Buch VIII

Geschichte

Keuchend stehst du auf und siehst auf die zerknüllten Roben des gefallenen Nekromanten herab. Wie merkwürdig, den Weber von Leben und Tod so zu sehen, leblos und nicht in der Lage, seinen eigenen unendlichen Schlaf zu verhindern. Er liegt bemitleidenswert im Staub, umgeben von einem gespenstischen Filigran seiner Opfer. Hinter ihm ein Altar aus Knochen, mit Schädeln geschmückt.

Du bemerkst ein seltsames Glühen, das vom Altar ausgeht. Ein Lichtkreis erscheint und formt sich zu einer glühenden goldenen Kugel. Zaghaft gehst du auf sie zu, unsicher, ob du ihre Einladung annehmen solltest. Bevor du deine Meinung ändern kannst, scheint die Kugel deine Hände näher an sie heranzuziehen. Du greifst die Kugel und der dunkle Raum wird mit strahlendem Licht überflutet.

Endlich hast du den Nekromanten besiegt und den Fluch vom Mitternachtstal aufgehoben. Als du dich umsiehst, siehst du, wie die das Tal umgebende mondbeschienene Dunkelheit nachlässt. An ihrer Stelle sind nun wunderschöne Berge zu sehen, die in den goldenen Strahlen der Sonne baden. Du weißt, wohin du gehen musst.

Deine Umgebung ändert sich stetig. Das Licht verblasst zu einem perfekten weißen Himmel. Schon bald bist du hoch in den Wolken, auf den goldenen Bergen. Das Gebirge scheint endlos weit zu reichen, ein wunderschönes Spektrum an leuchtenden Gipfeln, die vom Sonnenlicht angestrahlt werden. Der Wind pfeift zwischen den Felsen und in der Ferne kannst du den schwarzen, gezackten Umriss des Millennienturms erkennen. Dein Zielort ist in Sichtweite. Es fühlt sich unwirklich an, so nah zu sein.

Es ist keine Zeit, dich siegreich zu fühlen. Ein kreischendes Geräusch in der Nähe lässt dein Gefühl des Triumphs schnell enden. Du festigst dein Schwert. Etwas ist nah und wird, dem Geräusch nach zu urteilen, von breiten Flügeln getragen. Ein plötzlicher Streif in deinem Augenwinkel. Du wirbelst herum und siehst eine große Wolke aus knochigen, geflügelten Kreaturen. Sie trennen sich und fliegen im Sturzflug in entgegengesetzte Richtungen, als du nach deinem Schwert greifst.

Die erste Harpyie stürzt auf dich und ihre riesigen Krallen schnappen sofort nach dir. Du stolperst auf den Boden, aber schaffst es, sie mit einem wilden Stich zu erwischen. Sie heult auf, bevor eine zweite Harpyie dich vom Boden reißt und dich hoch in die Luft hebt. Du schlägst die Klinge in ihren weichen Bauch und sie stürzt zu Boden. Du rollst hilflos zur Seite, geradewegs in die Krallen einer weiteren Kreatur. Du ziehst sie hinunter auf den Boden, in einen Haufen aus Staub und Federn.

Zurück auf den Beinen schlitzt du wild auf die Harpyie ein, dann auf eine andere. Sie beginnen, sich zurückzuziehen, skeptisch über dieses Mittagessen, das sich so zur Wehr setzt. Mit einem bitteren Kreischen fliegen sie weg in den Nebel, auf der Suche nach fügsameren Beutetieren.

Etwas zerkratzt und mehr als ein bisschen verstört setzt du deinen Weg in Richtung des Turms fort. Die Höhenlage scheint zu sinken und die Wolken werden dunkler, je näher du kommst. Der Turm, einst winzig am Horizont, wird größer und schwärzer. Er umhüllt die Welt um dich herum und entzieht die goldene Wärme der Berge und ersetzt sie mit sich ansammelndem Nebel. Deine Stimmung ist ähnlich düster. Du fühlst dich zunehmend deiner Zuversicht beraubt, es ist, als würde niemals wieder etwas richtig sein. Der Turm spielt Spielchen mit dir, und als die Nebelranken um dich wirbeln, spürst du, wie du deine Orientierung verlierst.

Gerade als du fühlst, wie deine Füße dich darum bitten, umzukehren, erblickst du im Nebel vor dir ein gigantisches Eisentor. Du fühlst dich kalt und orientierungslos. Als du näher kommst, siehst du Leichen – Leichen überall. Die zerschlagenen Skelette anderer Abenteurer, die vor dir kamen. Dir ist schlecht. Sie waren wie du. Sie nahmen einen gefährlichen Weg auf sich und zahlten den Preis dafür. Welche edlen Ziele hatten sie? Sie nahmen dieselben Risiken auf sich wie du, haben dieselben Dinge gelernt wie du. Wie kannst du mit irgendeinem anderen Gefühl als dem der Hoffnungslosigkeit auf ihre gefallenen Körper blicken? Und– Moment mal... Hat... Moment. Hat sich der Körper gerade... bewegt?

Einer der Körper zuckt sichtbar. Eine Bogenschützin mit einer handgefertigten Armbrust. Sie streckt sich und steht auf. Langsam beginnt ein weiterer Körper, sich zu erheben. Eine Gestalt in einer Art tiefblauer Magierüstung. Die zerstörte vergoldete Rüstung eines Kriegers weiter hinten flickt sich zusammen und auch der sich darin befindende Ritter erhebt sich. Seine goldene Klinge ist blutdurchtränkt. Die wiederbelebten Gestalten starren dich mit totem Blick an.

Nun, was ist für eine Leiche schon ein Tod mehr? Gekonnt holst du aus und weichst ihren mageren Angriffen aus. Ihr Kämpfen ist ungeschickt und unkoordiniert. Die Bogenschützin fummelt an ihrem Bogen und wankt wie betrunken herum. Die bleichen, knorrigen Hände des Zauberers und sein langer Stab schaffen es bloß, halbherzige Funken zu sprühen. Der Ritter stolpert blind in seiner goldenen Rüstungshülle herum.

Entnervt tanzt du behände zwischen ihnen, schleuderst die Armbrust der Bogenschützin gegen die Felsen, weichst den kläglichen Angriffen des Magiers aus und nimmst das Schwert des Ritters aus seiner Schwertscheide. Im Handgemenge stoßen sie gegeneinander.

Als sie besiegt sind, siehst du dir die Ausbeute der Schlacht an. Die Armbrust der Bogenschützin sieht stabil und nützlich aus, eine Mischung aus dunklem Holz und rötlichem Metall. Sie ist überraschend leicht, aber es mangelt an Munition. Ihre Rüstung ist aus einem ungewöhnlich robusten Material und mit Smaragden verziert. Die Rüstung des Ritters scheint schwerer, ein unbekanntes Metall großer Stärke, beschwert mit dicken Streifen aus Gold. Sie passt zur riesigen vergoldeten Klinge, deren blutige Spitze nur ein Vorbote ihres düsteren Potenzials ist.

Oben auf dem Stab des Magiers sitzt eine blaue Kugel, die, wie zum Schutz, von einer goldenen Sphäre umgeben ist. Der Stab selbst ist mit kompliziert geschnitzten Mustern übersät, die ohne Zweifel von magischer Bedeutung sind. Als du den Stab in die Hand nimmst, kannst du sofort ein Gefühl von Macht spüren, das von der blauen Kugel ausgeht. Als du sie anfasst, beginnt die Kugel leicht zu glühen.

Dein Selbstvertrauen wird größer. Du gestikulierst mit dem Stab zu den anderen Leichen, damit diese nicht auch aufstehen und es versuchen.

"Na los, versucht, mich zu besiegen!", rufst du, wie verrückt lachend.

Doch das Lachen bleibt dir im Hals stecken. Du hörst ein lautes Stöhnen hinter dir und das Tor schwingt auf. Du drehst dich um und siehst einen Riesen, so groß wie das Tor selbst. Oh, nein...

Voraussetzungen

  • Schließ 'Palast der Nekromantie' einmal ab