Buch I

Geschichte

Bane mag verschwunden sein, doch der Sturm ist allgegenwärtig. Die Hauptstadt ist von Finsternis umhüllt und es wimmelt nur so von entsetzlichen Monstern, die in den Schatten lauern, brodelnd und kratzend. Die Fenster zu den leeren Straßen sind verrammelt und die Familien kauern im Dunkeln.

Eine dieser Familien hat dich in ihrem Zuhause willkommen geheißen – doch dies ist kein freundlicher Besuch. Dies ist deine Operationsbasis. Du sprichst nicht mit ihnen und sie sprechen nicht mit dir, damit deine Pläne nicht enthüllt werden – und ihnen nicht noch zusätzlich die Bürde auferlegt wird, deinen Aufenthaltsort geheim zu halten. Du weißt nichts über ihre Leben oder Identitäten, von den hoffnungslosen Ahnungen, die du in den traurigen, müden Augen ihrer Kinder erkennen kannst, mal abgesehen. Sie bewegen sich still im Haus herum, flüstern einander zu, kochen Suppe und beten. Du willst dein Beileid für all das bekunden, was sie verloren haben, aber die Worte bleiben dir im Halse stecken. Was kann noch gesagt werden?

Bevor du in die Stadt zurückgekehrt bist, hat Malcs dir einen ungewöhnlichen Talisman gegeben. Ein Amulett aus Stein. Du behältst es neben deinem Bett, wo es gelegentlich deinen Blick auf sich zieht. Der Anführer der Drachen hat es dir schweren Herzens übergeben, als hätte er es lieber nicht tun müssen.

"Es ist ein gefährlicher Weg, den du einschlägst. Nimm dies. Du wirst es brauchen. Du wirst mich brauchen."

Du hast das Amulett ehrfürchtig entgegengenommen, obwohl es auf den ersten Blick nicht den Anschein erregte, mehr als nur ein normaler Stein zu sein. "Wofür ist es?"

"Es ist... zum Schutz. Mach dir vorerst keine Gedanken darum. Du wirst... es nur einmal benutzen können. Aber du wirst wissen, wann die Zeit gekommen ist. Du wirst es wissen."

Auf dem Weg zurück in die Stadt hat sich bei Ahrenia eine mysteriöse Krankheit entwickelt. Die Wunden von der Konfrontation mit Bane gingen wieder auf und sie wurde von eigenartigen Anfällen heimgesucht, die von einer schleppenden Lethargie unterbrochen wurden. Sie hat kaum Appetit, aber es scheint sie sowieso nichts zu nähren. Sie ist wie ausgehöhlt, schwach – fern von der Heldin, die die Bewohner der Stadt einst verehrten.

Deine Gastfamilie ist zu höflich, um es zu erwähnen, aber es ist klar, dass ihr Zustand ihre Ängste noch erschwert. Dies soll ihre große Heldin sein, doch sie liegt schwach im Bett und das Letzte ihrer Kraft wird durch unbeabsichtigten Zittern aufgebraucht. Natürlich sind sie zum Stillschweigen verpflichtet. Die Stadt darf nicht von ihrer Anwesenheit und von ihrem besorgniserregenden Zustand erfahren. Die Bewohner müssen glauben, dass sie gesund und bereit ist, sie zu verteidigen. Ist es nicht dieses vereinende Mysterium, dass die Leute brauchen – eine Heldin, die ihre Hoffnungen tragen und ihren Schrecken lindern kann?

Eines Abends gehst du zu Ahrenias Krankenbett. Es ist schon beinahe eine Woche vergangen. Du brauchst einen Plan. Du musst vorankommen, oder wenigstens irgendwie weitermachen, bevor du derselben Müdigkeit erliegst wie deine Freundin. Sie sieht vom Kissen zu dir auf, das entschlossene Leuchten in ihren Augen ist verschwunden, ihre Lippen sind blass.

"Ich weiß, wo wir die Götter finden können", krächzt sie, bevor du etwas sagen kannst. "Wo du sie finden kannst. Ich weiß, dass es an der Zeit ist – es tut mir leid, dass ich nicht dabei sein kann."

Du hockst dich neben das Bett. "Ja... Ich wollte sagen, dass ich bereit bin. Ich sehe, dass du es nicht bist. Aber die Leute brauchen uns. Ich habe dies schon einmal gemacht – ich kann es erneut tun."

Sie lächelt schwach. "Natürlich kannst du das. Aber erst müssen wir den Millennienturm finden. Und dafür brauchst du..." Sie macht eine Pause, um zu husten, bei jedem Atemzug keuchend. "Du brauchst ein bisschen Hilfe. Hilf mir auf, bitte."

Du hilfst ihr in eine sitzende Position. Sie schließt ihre Augen und atmet einmal tief ein und dann wieder aus. Ihre Augen noch immer geschlossen, beginnt sie zu sprechen.

"Der Millennienturm ist, wo ich... zu der Person geworden bin, die ich bin. An dem Ort habe ich meine... Kräfte erhalten. Es war ein Ort, an welchem sich die Vier einst besprachen, zu der Zeit, als sie noch in Übereinstimmung waren. Nun, da sie wieder da sind, werden sie sicherlich zum Turm zurückkehren."

Du nickst, an die Ankunft Banes und das seltsame Gebäude, das im Nebel dahinter aufragte, zurückdenkend. "Wie können wir – wie kann ich ihn finden?"

Ahrenia kichert etwas und seufzt. "Der Pfad zum Millennienturm kann nur von jenen gesehen werden, die als würdig erachtet werden... Weißt du, ich kann mich noch perfekt an ihn erinnern. Er schien so unglaublich alt..."

Ahrenia beginnt zu husten. Du wartest, bis sie bereit ist weiterzusprechen.

"Aber ich kann dir nicht sagen, wie du dorthin findest. So viel hat sich geändert... Ich weiß aber, dass ich den Pfad im uralten Sanktuarium gefunden habe. Es ist in der Mitte des Labyrinths, im Dschungel hinter der Stadt."

Du erinnerst dich, schon bei Gesprächen in Tavernen von diesem Dschungel gehört zu haben – und an die vom Bier angefeuerten, spekulativen Diskussionen über das bösartige Labyrinth darin. Niemand im nüchternen Zustand würde glauben, dass ein solcher Ort wirklich existieren könnte – und es ist sicherlich niemand wieder zurückgekehrt, der angekündigt hatte, sich ins Labyrinth zu wagen.

"Und was wissen wir vom Dschungel selbst? Gibt es irgendwelche Berichte?"

"Überlebende des Dschungels sind nur das – Überlebende. In Wahrheit ist er selbst eine Art Labyrinth. Die Leute aus der Stadt sagten, er wäre... 'lebendig'. Als würde er sich um jene, die ihn betreten, anpassen und verflechten. Als würde er einen entweder ausspucken oder ganz runterschlucken wollen."

Diese Vorstellung beunruhigt dich. Auch wenn die Welt sich schon mal bösartig angefühlt hatte, schien das Ganze wenigstens turbulent – als sei die Welt nicht der Schrecken bewusst, die sie ihren Bewohnern auferlegt hat. Die Vorstellung, den Magen einer unbekannten, empfindungsfähigen Bestie zu betreten, sich auf der Suche nach etwas, was es möglicherweise gar nicht gibt, durch das Laubwerk zu kämpfen, klingt nicht sehr einladend. Aber welche Wahl hast du?

"Ich werde tun, was getan werden muss. Aber was ist, wenn ich nicht würdig bin? Du sagtest, dass der Weg zum Turm nur von jeden gesehen werden kann, die würdig sind."

"Das bist du nicht", erwidert Ahrenia ehrlich. "Noch nicht, meine ich. Tut mir leid. Ist nichts Persönliches, musst du verstehen."

"Oh."

"Aber du kannst würdig werden. Das ist es, wobei ich dir behilflich sein kann. Schließe deine Augen."

Du gehorchst und setzt dich auf den ungemütlichen Boden. In der langen Stille, die folgt, bist du versucht, für einen Moment deine Augen zu öffnen... Ist sie immer noch...?

Plötzlich bricht hinter deinen Augenlidern ein blendendes Licht aus. Du traust dich nun nicht mehr, sie zu öffnen. Wo bist du? Es fühlt sich an, als würdest du dich – oder als würde sich die Welt um dich drehen. Ein Gefühl der Geschwindigkeit, der Entfernung, der Hitze.

Und dann – schnapp.

Du öffnest deine Augen. Ahrenia ist auf dem Bett – scheinbar schlafend. Als wäre nichts passiert. Aber du kannst fühlen, dass sich ein merkwürdiger Prozess ereignet hat. Und plötzlich weißt du, wohin du gehen musst. Der Dschungel – das Labyrinth – ruft, und das uralte Sanktuarium. Es ist Zeit.

Voraussetzungen

  • Schließ 'Event – Bevorstehende Dunkelheit' einmal ab